Fremdschämen.

Vernissagen sind oft ein eigener Mikrokosmos. Allein darüber könnte man sehr viel schreiben, ich möchte mich hier und heute aber nur auf das Thema Laudatio beschränken.

Gestern wurde in Dresden eine sehr sehenswerte Ausstellung mit 4+1 Positionen zur Aktfotografie eröffnet. Wer kann, sollte sich diese unbedingt anschauen - es ist meiner Meinung nach eine sehr spannende Ausstellung!

http://parablau.com/

Weniger toll war gestern, sich im Zuge der Eröffnung fünf Laudationen anhören zu müssen. Ja, eine Laudatio ist Standard bei einer Ausstellungseröffnung. Ja, eine Laudatio kann gute und nützliche Informationen zur Verständlichkeit der präsentierten Werke erbringen. Letzteres war gestern leider die Ausnahme. Stattdessen wurden mal wieder reihenweise peinliche Klischees offeriert. Da wurde darauf verwiesen, dass der Künstler seine Bilder mit dem teuersten Equipment macht. Da wurde die schöpferische Nähe zu den ganz großen Namen der Fotokunst proklamiert und vom Œuvre statt vom Gesamtwerk gesprochen. Sorry, besser kann man kein Augenrollen bei den Anwesenden erzeugen. Bedeutsamkeit erzeugt man anders. Die Fail-Laudatio des Abends waren jedoch die missionarischen Ergüsse in Bezug auf die analoge Fotografie und der damit einhergehen indirekten Entwertung der ebenfalls in der Ausstellung vorhandenen rein digital erstellten Werke. Um im Anschluss einzuräumen, dass die Prints für die analogen Aufnahmen dann doch digital erstellt wurden. ;)

Eine Laudatio zu halten ist nicht einfach. Für die wenigsten ist das Routine, somit sind dabei auch kleine und große Unsicherheiten im Spiel. Und eine gewisse Überhöhungen von Werken und Schöpfern sind im Kunstbetrieb (leider) Normalität. Man sollte es damit jedoch nicht übertreiben, sonst ist man verdammt schnell auf dem Niveau eines Kleinstadt-Amateurfotoclubs, der einmal im Jahr seine große Ausstellung im Kreissparkassen-Foyer ausrichten darf. Dafür reichen weniger Worte, als man denkt. Liebe Laudatoren, haltet Maß und meidet Vergleiche. Seht euren Auftrag darin, den Zugang zu den gezeigten Werken zu fördern. Damit dient ihr Künstlern wie Rezipienten am meisten, dafür seid ihr nützlich und wichtig.

Zu der leidigen Thematik analoge vs. digitale Fotografie nur soviel: Im Jahr 2019 sollte man auch als Traditionalist realisiert und akzeptiert haben, dass beide Bildaufzeichnungs- und Verarbeitungstechnologien gleichwertig sind. Oder hat irgendwer schon einmal davon gehört, dass in Kunstkreisen darüber diskutiert wurde, ob eine Tuschezeichnung einer Pastellkreidezeichnung überlegen ist? Dass beide zu anderen Bildergebnissen führen, ist zutiefst logisch und bedarf keiner verklärten Erwähnung - der Künstler hat sich dafür entschieden, weil es für das Werk der/das vermeintlich beste Werkstoff/Werkzeug war. Ach ja: meine Nudeln koche ich auf einer Induktionsplatte und nicht über dem offenen Feuer - nur für den Fall, dass es jemanden interessiert. ;)