Gedanken zur Menschenfotografie.

Fotografie ist im Wandel. Darauf bin ich im Blog bereits in so manchen Beiträgen eingegangen (hier, hier und hier).

Was bedeutet dieser Wandel nun für die Menschenfotografie?

Spätestens die Smartphone-Fotografie hat die Fotografie demokratisiert. Nahezu jeder kann heute Bilder von anderen oder von sich selbst machen, für die man vor 10 oder 15 Jahren noch Berufs- oder zumindest anspruchsvolle Freizeitfotografen benötigte. Dies war und ist fraglos ein Segen (bei genauerer Betrachtung aber durchaus auch Fluch). Aber um die Smartphone-Fotografie soll es hier und jetzt gar nicht gehen. Es soll vielmehr um einen weiteren Player gehen, der mit großen Schritten bildgebend Einfluss auf dieses Game nimmt: KI.


Der Mensch ist eitel. Jeder kennt es. Kaum einer kann im ersten Moment sein eigenes Abbild uneingeschränkt leiden. Filter sind daher für viele Selfie-Maker der vermeintliche Rettungsanker, um sich nach ein paar Klicks doch noch irgendwie zu gefallen. Technisch betrachtet nutzen besagte Filter vorhandene Bildinformationen und überarbeiten diese anhand von Algorithmen. Kann man machen, sofern man es maßvoll tut. Jede Übertreibung gerät jedoch auch schnell zur unfreiwilligen Karikatur.

Filter sind mittlerweile aber zunehmend das Gestern. KI findet großen Schrittes Einzug in Bildbearbeitung und -generierung und es ist davon auszugehen, dass diese Technologie für Menschenfotografie nun ebenfalls Segen und Fluch werden wird. Segen bei maßvoller Bildretusche (z. B. beim Entfernen nebensächlicher bildstörender Elemente), jedoch Fluch bei der generellen Manipulation des/der Abgebildeten. Anders als bei klassischen Filtern, werden bei KI nicht nur vorhandene Bildinformationen überarbeitet, sondern in unterschiedlichem Umfang auch fremde Informationen eingefügt. Deepfakes sind hier das allseits bekannte pervertierte Extrem.

Das Problem liegt aber nicht nur im Extrem. Das eigentliche Problem ist subtiler. Wir werden wahrscheinlich zunehmend unser eigenes Abbild verlieren. Das Dilemma trägt Faust'sche Dimensionen in sich - und die Wenigsten werden sich dessen bewusst sein. Nun, das mag jetzt schwer nach Drama und Tragödie klingen ... betrachten wir es daher etwas genauer.

Fotografie war noch nie 100% Wahrheit. Dennoch zeigte uns Fotografie bislang etwas, was wir – mit Abstrichen – für einigermaßen wahr erachteten. Keine Frage, extreme Bildmanipulationen waren auch in der Vergangenheit möglich, jedoch zeitaufwendig ... und es bedurfte entsprechende Skills. KI erledigt das nun mit simplen Prompts innerhalb von wenigen Minuten. Und an dieser Stelle sind wir nun bei der Gretchenfrage angelangt: Was wird hierdurch entstehen? Wie sehr wird uns der Motor Eitelkeit zu unreflektierter Wahrheitsverbiegung motivieren? Was werden Dritte in so entstandenen Bildern noch von uns erkennen können – und wollen? Werden Deine Enkelkinder auf Deinen KI-aufgehübschten Fotos wirklich noch Dich selbst, oder nur noch Dein idealisiertes Wunsch(zerr)bild sehen können? Welchen Wert hat ein solches KI-optimiertes Porträt somit überhaupt noch?


Nur Bilder unseres echten, natürlichen Ichs haben – und behalten dauerhaft – einen besonderen und hochindividuellen Wert. KI könnte daraus prinzipbedingt immer nur einen völlig wertlosen Identitätsmatsch machen. Vielleicht bezaubernd schön, aber ohne den geringsten ideellen, persönlichen oder gar künstlerischen Wert. Taugt maximal für Werbung. Das mag sich vielleicht für manchen abwertend lesen, es ist jedoch lediglich eine rationale Betrachtung des zugrundeliegenden technischen Sachverhaltes.

Wir Fotografen sollten uns des enormen Werte-Risikos unserer Arbeiten bewusst sein. Vor allem bei unseren freien Arbeiten, die eigentlich immer auch mit einem künstlerischen Anspruch einhergehen. Wollen wir wirkliche künstlerische Werte schaffen, werden sorglos angewandte generative Technologien, die lediglich Fremdes nach unseren Vorstellungen in unsere Bilder importieren, keinesfalls auf Dauer den kulturellen und persönlichen Wert der hiervon betroffenen Bilder steigern können. 

Denke mal in Ruhe darüber nach.