Gedanken zur Menschenfotografie II.
Bereits im Februar hatte ich im Blogbeitrag 'Gedanken zur Menschenfotografie.' das Thema KI tangiert. Nun ja, das Thema beschäftigt mich auch weiterhin. Und das meine ich nicht nur im Zusammenhang mit abnehmender Glaubhaftigkeit und Wertigkeit von Fotografie, sondern auch zunehmend im Kontext des Persönlichkeitsschutzes von Modellen.
Wer Menschen fotografiert, sollte im Anschluss sehr gewissenhaft mit diesen Bildern umgehen. Dieser Aspekt war mir schon immer enorm wichtig. Dahingehende Model-Releases sind da schon mal nicht verkehrt, viel wichtiger hierbei ist aber, bereits vorab miteinander darüber zu reden. Das Modell muss sich bereits im Vorfeld des Bildermachens darüber bewusst sein, dass einmal veröffentlichte Bilder nachträglich nicht mehr eingefangen werden können. Folglich ist dies für mich auch immer ein sehr wichtiges und grundsätzliches Thema bei einem Vorgespräch.
Wenn sich das Modell bei einem Aktshooting maximal geborgen fühlt, ist das wunderbar! Da hat man als Fotograf schon mal sehr viel richtig gemacht. Noch viel wichtiger ist jedoch, dass sich das Model im Anschluss mit den gemachten Bildern dauerhaft wohlfühlt, denn bei einem TFP-Shooting werden in aller Regel beide Parteien die Bilder nutzen.
Als Fotograf kann ich bereits beim Bildermachen sehr viel Einfluss darauf nehmen, wieviel Anonymität jene Bilder in sich tragen werden. Man kann Gesichter in Schatten verstecken, man kann Bildschnitte entsprechend legen ... oder man kann auch einfach Masken oder Ähnliches tragen. Es gibt da ein ganzes Meer an Möglichkeiten! Zumindest bisher. Bisher reichte es in den meisten Fällen, wenn das Gesicht des Modells nicht erkennbar ist, um eine Anonymität zuzusichern.
Das hat sich geändert. Mittels KI kann heute JEDER in kürzester Zeit das gesamte Internet durchsuchen und bei Bedarf dabei unterschiedlichste personenbezogene Daten abgleichen. Das Kleid, welches das Modell beim Shooting anhatte, hat es vielleicht auch mal bei einer Party getragen und dies ist fein auf Insta unter Klarnamen verewigt. Oder denken wir an Tattoos. Oder Schmuck. Jeder HR-ler, jeder missgünstige Mensch kann heute ohne viel Zeit und Mühe mittels KI Deine noch so fragmentierten Daten im WWW finden und zu einem komplexen Gesamtbild zusammenbauen. Für die meisten von uns ein beunruhigender Gedanke - daher verdrängen wir ihn auch (noch) viel zu gern.
Als Fotograf fühle ich mich deswegen zunehmend unwohl. Ich kann Modellen nicht mehr die Sicherheit gewähren, wie ich es vor gar nicht so langer Zeit noch konnte. Kommunikation kann zwar sensibilisieren, sie wird das Problem aber nicht gänzlich aus der Welt schaffen können.
Ich habe schon von Fotografen gehört, die sich deswegen komplett aus der Menschenfotografie zurückziehen wollen. Sollte das die Lösung sein? Ich wehre mich (noch)! Liebe Modelle: Lasst uns stattdessen gemeinsam individuelle Lösungen suchen, welche die fragil gewordene Sicherheit für Dich wiederherstellen können! Habe Vertrauen - wir schaffen das!
Das ganze ist bei weitem nicht nur ein Problem von Porträt- und Aktfotografen! Auch Streetfotografen werden damit zunehmend konfrontiert werden. Menschen, die als "anonymes Beiwerk" in Straßenbildern erscheinen (derzeit meist rechtlich legitim, da auf Kunstfreiheit basierend), werden nunmehr durch Big Data plus KI eventuell auf Knopfdruck ganz schnell identifizier- und kompromittierbar! Und sie hatten im Vorfeld nicht die kleinste Chance, sich dagegen wehren zu können. Es ist anzunehmen, dass derartige Fälle, sofern sie eine juristische Auseinandersetzung verursachen, von den Gerichten dann mutmaßlich als Verletzung des Persönlichkeitsrechts betrachtet werden - sehr zu Ungunsten des Fotografen ... und der Kunst.