Gedanken zur Menschenfotografie III.

Was ist Fotografie? Fotografie ist mit Licht erzeugtes Bildwerk. Ihr wichtigstes Gut bisweilen: Glaubwürdigkeit. Wobei Fotografie durchaus bereits von Anbeginn der Manipulation selbiger ausgeliefert war. War dies bei der analogen Bilderstellung im Detail noch recht mühsam, konnte mit der Digitalisierung der Fotografie dann wirklich jeder einzelne Bildpunkt manipulativer (Extrem-)Behandlung unterzogen werden. Die Grundsatzdiskussionen seinerzeit hierüber sind manch Älteren sicher noch im Gedächtnis. Dennoch: grundsätzlich haben analoge und digitale Fotografie die gleiche technische Grundlage: beide fangen zur Bilderstellung Photonen ein, bilden somit in einem gewissen Rahmen die Realität ab.

Die letzten Jahre hat Generative KI Einzug in die Bilderstellung gehalten. Anfangs noch reichlich unbeholfen und belächelt, mittlerweile jedoch auf einem Level, dass selbst das geschulte Auge nicht mehr erkennen kann, ob hier die gerade erwähnten Photonen eingefangen wurden, oder ob das Bild gepromptet wurde und somit reine Fiktion ist. Anhand eines bildbeschreibenden Textes werden hierbei aus unzähligen eingesammelten Bildern einfach fiktiv neue zusammengesetzt - fernab jedweder Realität. Galerie-Portale wie z.B. DeviantArt ersticken mittlerweile an diesem KI-Slop.

Es gibt zunehmend Fotografen, die fotografieren gar nicht mehr, um ein authentisches Foto zu machen. Sie fotografieren stattdessen eine Person von allen Seiten, um diese Bilddaten im Anschluss der KI zuzuführen, die dann mittels Textvorgaben das finale Bild dieser Person kreiert. Noch einfacher ist es, eine fiktive Persona gleich mitzugenerieren. Das geht mittlerweile wunderbar und wer das noch anzweifelt, der schaue einfach mal hier:
https://www.reddit.com/r/AiEditorialPrompts/

Es liegt mir fern, diese Technologie zu verteufeln. Sie sorgt aktuell zwar für reichlich Unsicherheiten und Zukunftsängste im fotogewerblichen Bereich, dennoch hat sie einen Nutzwert und eine Berechtigung - sofern mit Bedacht verwendet. Mit letzterem tut man sich jedoch derzeit erkennbar schwer.

Generative KI wird mit Trainingsdaten gemästet. Auf die damit einhergehende rechtliche Problematik will ich an der Stelle nicht näher eingehen, jedoch auf die Problematik des Produkts: Dieses wird in den meisten Fällen deutlich zum Mainstream, zum Klischee neigen. KI ist folglich eine Kitschmaschine. Nicht weniger interessant ist darüber hinaus die Perspektive des zeitlichen Seins. Es entsteht im Grund nie etwas wirklich Neues, sondern nur neu Aufgekochtes.

"Kitsch markiert das Endstadium im Lebenszyklus der Bilder: syntaktisch redundant und verbraucht, semantisch banal und leer ... Erst sterben die Ränder, das Abweichende und Eigenwillige, die Vielfalt ... Datagrafie ist strukturell rückwärtsgewandt, sie rekombiniert nur Vergangenes."

Andreas Müller-Pohle (aus: Manifest "Maschinenbilder - Fotografie und Künstliche Intelligenz")

Als Fotograf frage ich mich, was die Kern-Essenz einer substanziellen Menschenfotografie ist, also: welche Bilder eine nachhaltige Resonanz beim Betrachter erzeugen und damit einen Wert. Die Antwort darauf liegt für mich auf der Hand: es ist Authentizität und Relevanz. Und beides kann generative KI nicht leisten. Du zweifelst? Dann lass uns abschließend zusammen ein kleines Gedankenexperiment machen:

Stelle Dir vor, ich generiere anhand gemachter Fotos von Dir ein KI-modifiziertes Abbild von Dir. Deine Körperproportionen werden einem Idealbild angepasst sein, Du wirkst vermutlich mindestens fünf Jahre jünger und Du findest Dich auf dem Bild im ersten Moment so toll wie noch nie. Du zeigst dieses Bild ein paar Wochen später Deiner besten Freundin. Sie fragt Dich, wo Du die Bluse gekauft hast, die Du im Bild trägst. Oder Dich fragt in 50 Jahren Dein Enkelkind, ob das Bild in Deiner damaligen Wohnung entstanden ist. Wirst Du schweigen? Wirst Du lügen? Wirst Du erzählen, dass das Bild ein Märchen ist? Wenn ja, welche Authentizität, welche Relevanz, also welchen Wert werden die Freundin oder das Enkelkind nunmehr dem Bild, also Deinem vermeintlichen Abbild, zuschreiben? Und: Welchen Wert wird dieses Bild bereits ein paar Wochen später für Dich selbst noch haben, wenn Du nicht mehr von der oberflächlichen "Schönheit" geblendet bist, sondern Dich und das Ambiente im Bild - aus gutem Grund - gar nicht fühlen kannst?

Keine Ahnung, warum ich nun gerade an Goethes Faust denken muss ... ;)